Wer sich mit dem Thema Antriebsprinzipien von Feuerwaffen beschäftigt, stößt früher oder später auf einen gewissen Dissens im englischsprachigen Raum, den Mark Westrom, Geschäftsführer von Armalite, beiläufig in der Technischen Drucksache 54 von 2010 beschreibt. Gemeint ist die Frage, ob Eugene Stoners Verschlusssystem, wie es in US2951424A beschrieben wird, überhaupt als "Direct Impingement" bezeichnet werden sollte, was dieser Begriff eigentlich bedeutet und ob er als technische Klassifizierung sinnvoll ist.
Anlass dafür gibt bereits das Patent selbst. Stoner grenzt sein "gas operated bolt and carrier system" ausdrücklich von dem ab, was er als konventionelles "impinging gas system" versteht: "This invention is a true expanding gas system instead of the conventional impinging gas system."
Was darf man sich unter einem solchen "conventional impinging gas system" vorstellen?
Mit Blick auf den damaligen Stand der Technik sind Systeme gemeint, bei denen die aus dem Lauf abgezweigten Pulvergase unmittelbar am Verschlussträger Arbeit verrichten. Dies kann entweder dadurch geschehen, dass das verschlussseitige Ende des Gasröhrchens in einen Becher oder eine Sackbohrung am Verschlussträgers hineinragt, oder umgekehrt dadurch, dass ein Kolbenfortsatz des Verschlussträgers in das als Zylinder fungierende Gasröhrchen hineinragt. Beide Ansätze werden von Erik Eklund in in seinem Patent US2388396A beschrieben.
Bekannte Vertreter dieses Prinzips sind die Waffenfamilien des schwedischen AG-42 "Ljungman" und des französischen MAS-49. Landläufig werden beide Systeme im Englischen als "direct impingement" bezeichnet. Aber um Stoners Beschreibung als "true expanding gas system" Rechnung zu tragen und es explizit von Systemen wie dem AG-42 abzugrenzen, wird ersteres gelegentlich auch als "internal piston" bezeichnet.
Daneben existieren natürlich noch solche mit "external piston", die im Deutschen als indirekte Gasdrucklader bezeichnet werden, um sie von den direkten Gasdruckladern (üblicherweise mit Massenträgheitsverschluss) abzugrenzen. In die erstere Kategorie fallen klassische Gasdrucklader mit langem oder kurzem Kolbenhub.
Gassystem des AR-15 (unten) im Vergleich mit Abb. 2 aus Stoners Patent US2951424A (oben)
Gassystem des AG-42 (unten) im Vergleich mit Abb. 3 aus Eklunds Patent US2388396A (oben)
Der Begriff "impingement" könnte sprachlich nahelegen, eine Art Gasstrahl würde auf den Verschlussträger "prallen" und diesen dadurch antreiben – ähnlich, wie man mit dem Strahl eines Gartenschlauchs einen Fußball vor sich hertreiben könnte. Begünstigt wird diese Vorstellung dadurch, dass Beschreibungen von "direct impingement" nicht selten mit Formulierungen wie "kolbenlos" oder "ohne Gaskolben" einhergehen. Das tatsächliche Funktionsprinzip wird dadurch jedoch unzureichend beschrieben.
Wie bei allen Gasdruckladern – ob direkt oder indirekt – verrichten die Pulvergase ihre Arbeit auch hier innerhalb eines Systems aus Kolben und Zylinder. Die entsprechenden Bauteile mögen anders ausgeführt sein als bei klassischen Gasdruckladern, das grundlegende Wirkprinzip bleibt jedoch dasselbe.
Dass dies keine moderne Interpretation ist, zeigt bereits Eklunds Patent. In der Beschreibung von US2388396A verwendet er ausdrücklich die Begriffe "piston" und "cylinder" für die betreffenden Komponenten. Von einem kolbenlosen System kann daher keine Rede sein.
Die Bezeichnung "Direct Impingement" ist insofern etwas unglücklich gewählt, da sie ein Wirkprinzip suggeriert, das in den genannten Fällen so nicht zur Anwendung kommt.
Der wesentliche Unterschied zwischen den Konstruktionen von Eklund und Stoner besteht vielmehr darin, an welcher Stelle des Verschlussträgers die umgeleiteten Pulvergase ihre Arbeit an der Kolbenfläche verrichten.
Aus diesem Grund erscheinen Bezeichnungen wie "Gaseinleitung" und "Gasaufleitung" deutlich gelungener, da sie den Unterschied eindeutig über die Lokalität der Krafteinleitung beschreiben und nicht über vermeintlich unterschiedliche Wirkprinzipien.