Gelegentlich wird behauptet, der Begriff "Rückdrucklader" sei eine moderne Wortschöpfung oder gar eine Erfindung des Internets. Ein Blick in die Fachliteratur zeigt, dass das nicht stimmt. Zwar setzte sich der Begriff erst vergleichsweise spät durch, seine gedanklichen Wurzeln reichen jedoch bis in die Frühzeit der automatischen Handfeuerwaffen zurück.
Funktionsbeschreibungen von Waffen mit kraftschlüssig-dynamischen Verschlusssystemen, die bewusst nicht als Rückstoßlader, sondern als Gasdrucklader beschrieben werden, finden sich bereits zu Anfang des 20. Jahrhunderts.
So beschreibt Krnka in Die principiellen Eigenschaften der automatischen Feuerwaffen (1902) den "Gasdrucklader ohne Verschlußverriegelung" als ein durch die "directe Spannkraft der Pulvergase" angetriebenes System. Das Geschoss werde durch den Lauf nach vorne, der Verschluss hingegen nach hinten "zurückgeschossen".
Daher rührt die Bezeichnung des direkten Gasdruckladers für Waffen dieses Typs, die ich persönlich weiterhin präferiere. Es ist jedoch wichtig zu erwähnen, dass bereits zur damaligen Zeit diese Nomenklatur eher unpopulär war. Wie Krnka schreibt, dürfe "die Sonderausnützung des Gasdruckes mit der Fructificirung des Rückstoßes nicht durcheinander gewürfelt werden (...) wie dies der Fall bei allen anderen solchen Classeneintheilungen ist (...)"
Auch Krnkas Zeitgenossen unterschieden meist nicht zwischen Rückstoßladern und direkten Gasdruckladern, was Krnka zu dieser Kritik veranlasste.
Der Begriff "Rückdrucklader" selbst taucht allerdings erst deutlich später auf. Verbreitung fand er vor allem während der 1970er Jahre im sonderpolizeilichen Bereich des Bundesgrenzschutzes (BGS) und der Bahnpolizei, die später beide in der Bundespolizei aufgingen. In diesem Kontext wurde der Begriff noch synonym zum Rückstoßlader verwendet.
Brownings deutsches Patent DE000000099465A (1897) beschreibt eine Faustfeuerwaffe mit "Feder-Masse-Verschluss" als Rückstoßlader.
DS 425/VIII (1982), Auszug mit freundlicher Genehmigung von Thomas Steidl
Erste Hinweise auf den Begriffswandel vom Rückstoß- hin zum Rückdrucklader finden sich bereits in der Erstausgabe des Waffen-Schmidt von 1968. Die Autoren Böhlein und Brand definieren dort:
"Als Rückstoßlader werden die Maschinenwaffen bezeichnet, bei denen (...) der Druck der Pulvergase nach hinten (Rückdruck) über den Patronenhülsenboden direkt zum Antrieb des Schlosses verwendet wird."
Hier wird der als Rückdruck bezeichnete direkt wirkende Gasdruck bereits zur Beschreibung des Funktionsprinzips herangezogen. In den späteren überarbeiteten Auflagen des Waffen-Schmidt erscheint schließlich der eigentliche Begriff "Rückdrucklader". Von dort aus verbreitet er sich als Synonym für "Rückstoßlader" in verschiedenen polizeilichen Handbüchern und Dienstvorschriften von BGS und Bahnpolizei.
Beispiele hierfür finden sich unter anderem bei Engelbrecht in Waffenkunde für Polizeibeamte (1982):
"Rückdrucklader (Rückstoßlader) sind solche automatischen Waffen, bei denen die Bewegungsenergie für die gleitenden Teile (Repetiervorgänge) einer Waffe vom Rückstoßimpuls unmittelbar abgeleitet werden (...)"
Ebenso im Anhang 8 zur Bahnpolizeivorschrift DS 425/VIII von 1982:
"Die P 225 ist ein mechanisch verriegelter Rückdrucklader (...)"
Und später bei Pietzner in Waffenlehre - Grundlagen der Systemlehre (1998):
"Waffen, die durch Rückdruck angetrieben werden - Rückdrucklader - nutzen die direkt über den Hülsenboden auf den Stoßboden des Verschlusses wirkenden Gaskräfte zum Antrieb aus."
In Verschlusssysteme von Feuerwaffen (1991) greift Dannecker den Begriff in seiner Diskussion "Warum die Selbstladepistole P38 (P1) kein Rückdrucklader ist" auf, schlägt ihn jedoch nur als Bezeichnung für Feuerwaffen mit kraftschlüssig-dynamischen Verschlusssystemen vor:
"Bei kraftschlüssig-dynamisch verriegelten Systemen (MP2 - Uzi, G3, MP5, P9 usw.) könnte der Begriff 'Rückdrucklader' durchaus angewandt werden. Hier wirkt ja der Gasdruck in der Tat direkt auf den Hülsen- bzw. Stoßboden, 'da wird zurückgedrückt'."
Spätestens hier begegnet uns der Begriff in jener heute durchaus gebräuchlichen Bedeutung: als Bezeichnung für automatische Feuerwaffen, deren kraftschlüssig verriegelter Verschluss unmittelbar durch den auf Hülsen- und Stoßboden wirkenden Gasdruck angetrieben wird. So zum Beispiel im Beitrag Entwicklung der Halbautomaten: Druck-Sache und Stoß-Betrieb von Stephan Rudloff (Visier Special 108-2023).
Dass der Begriff "Rückdrucklader" in den vergangenen Jahren eine gewisse Renaissance erlebt hat, dürfte mehrere Gründe haben.
Jedenfalls bietet er einige entscheidende Vorteile in der Praxis: Zum einen besitzt die Unterscheidung zwischen Rückdruckladern und Rückstoßladern eine höhere prognostische Aussagekraft und damit auch einen didaktischen Mehrwert. Klassifikationssysteme, die direkte Gasdrucklader undifferenziert den Rückstoßladern zuordnen, erklären die unterschiedlichen Effekte, die z. B. beim Einsatz diverser Mündungsaufsätze wie Schalldämpfer oder Manöverpatronengeräte auftreten, nicht hinreichend.
Zum anderen ist eine Klasseneinteilung, die zwischen Antrieb durch Rückdruck und Rückstoß unterscheidet, anschlussfähig an die international gebräuchlichen Fachbegriffe der englischen Sprache. Der Rückdrucklader lässt sich hier einfach dem Begriff "blowback operation" zuordnen, während hingegen eine Subsumtion des einfachen Masseträgheitsverschlusses unter den Rückstoßladern für ziemliche Verständigungsprobleme sorgen dürfte. Selbst dann, wenn man - wie Peter Dallhammer in Handgunology: From Newton to Firepower (2023) - sprachliche Behelfskonstruktionen wie "recoil-actuated" bei der Übersetzung einführt.
Bereits seit den 1970er Jahren findet sich der Begriff als solcher in polizeilicher Fachliteratur, seit vielen Jahren auch ausdrücklich in seiner heute etablierten Bedeutung in Verschlusssysteme von Feuerwaffen.
Eingangs erwähnte Behauptungen, der Begriff "Rückdrucklader" sei historisch nicht belegt oder erst vor kurzem entstanden, lassen sich daher nicht aufrechterhalten. Ohnehin greift solcher Sprachpurismus zu kurz. Begriffe werden nicht allein präskriptiv legitimiert, sondern müssen sich auch am deskriptiven Sprachgebrauch messen lassen!
Sie kennen Literaturstellen, in denen die Begriffe "Rückdruck" oder "Rückdrucklader" bereits vor 1968 verwendet wurden?
Ich freue mich über entsprechende Hinweise.